Patenbrief  Juni 2020

Sehr geehrte Patinnen und paten,

Danke!

 

Was wären die Programme des Shanthimalai-Trusts ohne Ihre kontinuierliche, treue Unterstützung, Begleitung und Fürsorge für die Patenkinder! Und was wäre sie ohne diese Qualitäten auf indischer Seite, wo seit vielen Jahrzehnten Menschen dem Weg des Gründers Hugo Maier folgen und wahre Hilfe zur Selbsthilfe leben. Hier möchten wir Ihnen einen dieser Menschen näherbringen:

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Dr. med. Andreas Bachmann, Patenschafts-Koordinator in Indien

„Über eine Patenschaft und die Betreuung durch engagierte Menschen in Indien ist es möglich, Kinder in vielen kleinen Schritten darin zu unterstützen, für sich selbst ein Fundament zu legen und in ein selbständiges Leben hineinzuwachsen. Patenschaft bedeutet neben finanzieller Unterstützung auch ein ganzheitliches Erfassen der Situation eines Kindes und seines Umfeldes, um dann auf die verschiedenen Schwierigkeiten helfend einzugehen. Dies betrifft insbesondere falsche Prioritäten und Zwänge, in denen arme Menschen oft gefangen sind. Patenschaftliche Begleitung bedarf einer stetigen, persönlichen Bemühung. Jeder von uns möchte erkannt, geachtet und geliebt werden - und dafür setze ich mich ein.“

Das Wort Mouna ist Sanskrit und bedeutet „lebendige Stille“.

Aus Ihr heraus entsteht alles und fließt dorthin wieder zurück!

Umfassende Hilfe

Andreas Bachmann ist ein Mensch, der in Stille seinen Weg geht und sich sein Leben lang bedürftigen Menschen in der Region Tiruvannamalai widmet. Er ist seit 2013 für die Koordination der Paten- und Ausbildungspatenschaften verantwortlich und arbeitet eng mit den Vereinen in Deutschland, der Schweiz und den USA zusammen. Andreas Bachmann ist auch ein Vermittler in vielen Belangen: Denen der Kinder und Jugendlichen, Eltern und Lehrer. Gleichzeitig sichert er die Interessen von Shanthimalai. Jedes Kind in unseren Patenschafts-Programmen wird von ihm und seinem Team anhand definierter Kriterien, die viele Aspekte im Leben eines Kindes einschließen, sorgsam ausgesucht. Im weiteren Verlauf wird die Entwicklung des Kindes genau beobachtet und ggf. optimiert. In regelmäßigen Treffen versucht er, die Eltern für eine bessere Unterstützung ihrer Kinder zu gewinnen.

„Patenschaft bedeutet nicht, einfach mit Geld die Ausbildung eines Kindes zu ermöglichen. Geld ist ein erster wichtiger Schritt zu einer guten Schulausbildung. Aber dann muss weiterverfolgt werden: Wie schreitet die Entwicklung des Kindes voran? Wo liegen eventuell deren Hemmnisse? Für eine ganzheitliche Förderung muss die gesamte Familie mit einbezogen und gesundheitliche, sowie mentale Aspekte berücksichtigt werden.  Oft ist es schwierig, ein ganzheitliches Vorgehen zu praktizieren, da viele Eltern die Schule als völlig getrennt vom Familienleben sehen. Hier helfen die psychologischen Aspekte der Patenschaft: Die Paten erhalten jährlich ein Foto und einen persönlichen Brief. Das Verfassen dieses Briefes wirkt sich sehr förderlich auf die Entwicklung des Kindes bzw. Jugendlichen aus. Und gleichermaßen: Das Vertrauen, das ein junger Mensch spürt, wenn er einen Brief von seinem Paten bekommt, und fühlt, dass jemand an ihn glaubt, hat eine ebenso große Bedeutung, wie das eigentliche Patenschaftsgeld. Hier setzt unsere Arbeit in Shanthimalai an.“

Der Weg nach Indien

Wie kam Andreas Bachmann dazu, für Shanthimalai zu arbeiten? Er wurde im bayerisch-schwäbischen Donauwörth geboren und wuchs in Oberbayern auf. Nach dem Medizinstudium in Erlangen und München trat er 1984 seine erste Stelle als Assistenzarzt in der Chirurgie in Schongau (Oberbayern) an. Es folgten weitere Anstellungen, die ihm ein sehr breites Erfahrungsfeld der Medizin, insbesondere aber auch der alternativen Heilmethoden ermöglichten. Als Enkel des Gründers der Deutschen Akupunkturgesellschaft, Dr. Gerhard Bachmann, absolvierte er bereits eine AkupunkturAusbildung und vertiefte 1987 in China sein Wissen über Traditionelle Chinesische Medizin an der Nanking University of Chinese Medicine.

Der innere Ruf

Zurück in Oberbayern widmete er sich der naturheilkundlich orientierten Krebstherapie an der Veramed-Klinik am Wendelstein. Nach einer erfahrungsreichen Zeit erhielt Andreas Bachmann 1989 ein Angebot für eine leitende Position in einem neu entstandenen Krankenhaus für ganzheitliche Krebstherapie in Kalifornien. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich jedoch schon entschieden, sich in Indien ganz der sozialen Tätigkeit zu widmen. Heute sagt Andreas Bachmann, dass mit dem Ruf an dieses Krankenhaus in Kalifornien ein Traum für ihn in Erfüllung gegangen wäre. Jedoch habe er einer inneren Stimme folgend seine Zukunft in Indien gewählt.
„Ich habe diese Entscheidung nie bereut, trotz der Perspektive, die begonnene Karriere in den USA unter wesentlich besseren finanziellen Konditionen fortzusetzen“.

Der Aufbau der Versorgung

1990 übernahm Andreas Bachmann die Leitung des Sri Ramana Maharshi Health Centres und wirkte intensiv daran mit, für die dortige Landbevölkerung und somit für tausende von Menschen, die zuvor fast keinen Zugang zu einem Gesundheitssystem hatten, eine nahezu kostenfreie ambulante Versorgung mit Ambulanzfahrzeugen und Dorfzentren aufzubauen. Täglich engagierte er sich direkt am Menschen, gleichzeitig leitete er die Organisation des medizinischen Zentrums. Als Shanthimalai wenige Jahre später die Notwendigkeit für eine Entbindungsklinik erkannte, wurde ihm die Koordinierung ihres Aufbaus anvertraut. Es entstand eine große geburtshilfliche Einrichtung, die die medizinische Versorgung entscheidend verbesserte und gleichzeitig Arbeitsplätze schuf. Getreu dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe” wurden unter seiner Mitwirkung diese Einrichtungen mittlerweile an eine verantwortungsvolle indische Führung übergeben.

Die Entscheidung zur Fürsorge - Interview mit Dr. Andreas Bachmann

Freundeskreis Indien (FKI): „Andreas, seit wann engagierst du dich für notleidende Menschen in Indien?“

Dr. med. Andreas Bachmann (AB): „Ganz am Anfang, noch lange vor der Gründung des Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projektes, haben wir, ein kleines Team von Ärzten und Heilpraktikern, in einer winzigen Hütte kranke und notleidende Menschen vom Land unentgeltlich behandelt. Sie kamen jeden Morgen sehr zahlreich zu uns. Ich kann mich noch gut an diese Behandlungen, die bis zu kleinen Operationen reichten erinnern und daran, wie wir an die Menschen benötigte Medikamente verteilten und ihre Augen den Dank ausdrückten.
Oft wurden wir auch zu schweren Fällen gerufen. Damals sind wir noch mit einer mobilen Ambulanz, einem einfachen Auto mit den nötigen Medikamenten und Materialen, über die Dörfer bis hin zu abgelegenen Gegenden gefahren, um die Menschen medizinisch zu versorgen. Die meisten Dorfbewohner hatten damals keine Möglichkeit, Ärzte oder Kliniken aufzusuchen. Hygiene war - und ist immer noch - ein großes Thema. Man muss sich vorstellen, wie diese Menschen unter einfachsten und ärmsten Bedingungen gelebt haben und zum Teil auch heute noch leben.
Da die große Bedürftigkeit unsere Behandlungsmöglichkeiten bei weitem überstieg, bauten wir im Jahre 1990 die erste kleine Klinik auf einem neu erworbenen Gelände. Mit einfachsten Materialien, wie Backsteinen, Lehm, Holz und einem Grasdach wurde diese Klinik aus Spendengeldern errichtet. Durch Einzelspenden aus Deutschland war es später sogar möglich, Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen durchzuführen. Die Klinik wurde zur Anlaufstelle für viele Menschen, die Hilfe suchten. Hier fühlten sich alle willkommen, auf- und angenommen und oft zum ersten Mal in Ihrem Leben medizinisch gut versorgt. Die Klinik wuchs über die Jahre kontinuierlich. Zusätzlich entstanden neben der Geburtsklinik, acht Dorfpraxen und mehrere mobile Ambulanzen, um die Menschen in ihren Dörfern behandeln zu können. All diese Einrichtungen wurden mittlerweile in verantwortungsvolle, indische Hände übergeben und so war ich ab 2013 frei, ausschließlich die Leitung der Patenschaften zu übernehmen.“

FKI: „Was waren deine eindrücklichsten Begegnungen?“

AB: „Es gab sehr viele eindrückliche Begegnungen und Ereignisse. Da ist zum Beispiel die Geschichte von einem 14 jährigen Jungen aus einer sehr armen Familie, der tragischerweise durch einen Stromschlag beide Unterarme verlor. Er war auf einer indischen Transplantations-Warteliste. Shanthimalai hat damals intensiv versucht, über seine Kontakte eine Operation in Indien oder im Ausland zu vermitteln. Schließlich wurde er plötzlich nach Pondicherry abgerufen, wo ihm in einer 22-stündigen Operation die Unterarme einer verstorbenen, jungen Frau transplantiert werden konnten. Es war die erste Operation dieser Art an einem staatlichen indischen Krankenhaus, mit vielen Nachbehandlungen und einer lebenslangen immunsuppressiven Therapie. Mit Hilfe einer medizinischen Patenschaft und intensiver Betreuung durch Ärzte, Physiotherapeuten und Psychologen ist es ihm mittlerweile möglich, ein relativ selbständiges Leben zu führen.

FKI: „Wie steht es um dein Familienleben?“

AB: „Diesbezüglich hatte ich großes Glück! 1992 begegnete ich meiner zukünftigen Frau Vasanthi. Sie arbeitete in derselben Klinik wie ich. Jeden Donnerstag hat sich das Klinikpersonal zum Austausch bei Tee, Gesang und Andacht getroffen. Gleich beim ersten Besuch sagte sie: ‚In solch einer Atmosphäre würde ich auch gerne arbeiten.‘ Das Engagement meiner Frau als Apothekerin, ihre Ideen für Verbesserungen jeglicher Art und die Fürsorge gegenüber den Kranken machte mich auf sie aufmerksam. Wir sind nun seit 27 Jahren verheiratet und haben zwei Töchter, die ebenfalls Ärztinnen sind und einen Sohn, der Kfz-Elektronik studiert.“

Wo ein Mensch in lebendiger Stille seinen Weg geht, sich uneigennützig engagiert, dort wird Hilfe zur Selbsthilfe gelebt.

Liebe Patinnen und Paten,

das Beispiel Andreas Bachmanns zeigt, wie die Entscheidungen Einzelner, sich liebevoll für notleidende Menschen einzusetzen, die Entstehung eines generationenübergreifenden Hilfsprogramms wie Shanthimalai ermöglichen. Andreas Bachmann ist dem Ruf und dem Weg des Gründers Hugo Maier gefolgt und hat sein Leben der Fürsorge bedürftiger Menschen gewidmet.

Herzlich, Ihre
Rüdiger Hoppe und Christiana Frosio