Patenbrief  Mai 2016

Sehr geehrte Paten, liebe Freunde,

dank Ihrer Unterstützung durften wir zusammen im letzten Jahr zwei außerordentliche Jubiläen feiern! Dankbar und freudig blicken wir auf 25 Jahre sehr erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit des Freundeskreis Indien e.V.! Gleichzeitig dürfen wir durchaus stolz auf 20 Jahre ununterbrochene Verleihung des DZI-Siegels sein – eine beeindruckende Anerkennung des Vertrauens für verantwortungsvollen, sachgerechten Umgang mit Spenden.

Trotz aller Anfangsschwierigkeiten, staatlicher Hürden und Vorschriften, wirkt unsere Partnerorganisation Shanthimalai in Indien nachhaltig und überaus andauernd. Unser Leitspruch »Hilfe zur Selbsthilfe« bedeutet viel mehr als kurzfristige Entwicklungshilfe: Shanthimalai hat segensreiche, tiefgreifende und sichtbare Effekte auf die gesamte Region und mittlerweile mehrere Generationen! Etliche Hilfsprogramme konnten in den letzten Jahren sogar in die Selbständigkeit entlassen werden. Aus ehemaligen Schülern werden Auszubildende, aus Studenten werden Mitarbeiter, die sich mit ihrem Gehalt ein eigenes Leben aufbauen und oft auch ihre Familien mittragen können. Unsere Hilfe kommt also nicht nur an, sondern trägt langfristig Früchte. Dafür sind wir Ihnen im Namen aller Hilfsbedürftigen in tiefem Dank verbunden.

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Als Beispiel möchten wir Ihnen in diesem Brief drei Lehrer unserer Schule vorstellen, die schon als Patenkinder Teil der »Shanthimalai-Familie« waren. Vor nunmehr 21 Jahren wurde unsere Sri Ramana Maharshi Matriculation Higher Secondary School, an der heute 1.014 Schüler unterrichtetwerden, eingeweiht. Seitdem haben über 1.300 Schüler erfolgreich ihren Abschluss an unserer Schule gemacht. Einige von ihnen sind nach dem durch eine Ausbildungspatenschaft des »Professional-Training-Program (PTP)« ermöglichten Studium wieder zurückgekehrt – an den Ort, wo einst ihr Bildungsweg dank der herzlichen und großzügigen Unterstützung ihrer Pateneltern begonnen hat.

Als Lehrer unterrichten sie ganz unterschiedliche Fächer – von Englisch über Informatik bis hin zur tamilischen Handschrift. Sie alle eint jedoch der Wunsch, an heranwachsende Generationen etwas von der Hilfe und Unterstützung weiterzugeben, die sie selbst erfahren haben. Sie wollen mitwirken an den seit der Gründung von Shanthimalai für sie deutlich sichtbaren Verbesserungen der Lebensumstände in ihren Dörfern.

Bei uns Schüler gewesen: 6 der insges. 11 neuen Lehrer!

Es wird gesagt, dass Lehrer die Erbauer einer Nation sind. Deshalb liebe ich meinen Beruf

so berichtet M. Satya, die seit drei Jahren Englisch an unserer Schule unterrichtet. Zusätzlich bringt sie den Erst- und Zweitklässlern die tamilische Handschrift bei, die aus 246 Schriftzeichen besteht. Aufgewachsen ist sie in einem der umliegenden Dörfer nahe Tiruvannamalai. Ihr Vater arbeitet als Taglöhner und konnte weder den Schulbesuch noch die Ausbildung seiner vier Kinder finanzieren. Nach ihrem Schulabschluss als Patenkind hat Satya dank der PTPAusbildungspatenschaft Englisch studieren können. An unsere Schule ist sie zurückgekehrt, weil sie als inspirierende Lehrerin insbesondere Kinder aus armen Verhältnissen unterrichten will: »Das ist eine wunderbare Möglichkeit für mich zu arbeiten und mein Leben in den Dienst dieser angesehen Schule zu stellen.«

Auch P. Venkatesan arbeitet seit über zwei Jahren als Englischlehrer an unserer Schule. Wie Satya war er sowohl Patenkind als auch PTP-Student. Er wohnt mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn noch im Haus seiner Eltern, das sich direkt neben der Schule in Kaveriyampoondi befindet. Er fühlt sich seinen Eltern sehr verbunden und hilft ihnen an den Wochenenden und in den Schulferien auf der kleinen Landwirtschaft. Auch der Schule fühlt er sich verbunden: »Ohne Bildung können wir nicht überleben. Ich möchte bis zu meinem Dienstende für diese Schule arbeiten, auch wenn ich an einer staatlichen Schule als Lehrer mehr verdienen würde.« Üblicherweise liegen die Gehälter an staatlichen Schulen ungefähr 20 % höher, als wir für unsere Lehrer zahlen können. Venkatesan schätzt die friedvolle Atmosphäre unserer Schule, die neben dem Erwerb von Wissen auch die Vermittlung von Werten und die Charakterbildung ihrer Schüler als Ziel hat.

»Ich weiß nicht, wer meine Pateneltern waren. Aber ich werde ihnen für immer dankbar sein.« Diese berührenden Zeilen stammen von R. Anamalai (Foto unten), der als Englisch- und Sportlehrer an unsere Schule zurückgekehrt ist. Er war damals das erste Patenkind in seinem Dorf! Schon immer war er gut in Sport und mit seinem Volleyball-Team sehr erfolgreich. Außerdem gewann er den ersten Platz bei den »Tiruvannamalai District Athlets«. Sein Sportstudium hat ihn nach Chidambaram geführt, eine berühmte Pilgerstadt im Süden TamilNadus. Anschließend fand er eine Anstellung als Sportlehrer an der renommierten »Zion Matriculation Higher School« in Kodaikanal. Kodaikanal liegt in eine wunderschöne Gebirgslandschaft eingebettet, dem Palani-Gebirge. Dennoch hat Anamalai die Gegend wieder verlassen, um an unsere Schule zurückzukehren. In erster Linie möchte er seine Eltern vor Ort unterstützen, aber auch die Rückkehr an die Schule bedeutet ihm viel. Er arbeitet an der 2007 neu gegründeten Grundschule mit derzeit 325 Kindern und liebt die Arbeit mit den jüngeren Schülern: »Ihre strahlenden Augen sind eine Freude. Sie sind wissbegierig und zugänglich.«

Um solche Erfolgsgeschichten schreiben zu können, sind wir auf Ihre wertvolle finanzielle Hilfe angewiesen. Wir erhalten jährlich weit mehr Anträge auf Patenschaften und Ausbildungspatenschaften, als wir ermöglichen können. Nach wie vor fehlt es an ausreichender staatlicher Unterstützung für Bildung und Ausbildung. Die Schulgelder an vergleichbaren Schulen und vor allem die Aufnahme- und Studiengebühren an Hochschulen sind für die Landbevölkerung unerschwinglich hoch. Der viel erwähnte industrielle Aufstieg Indiens ist hier noch lange nicht angekommen. Dies gilt natürlich auch für die immer noch so zahlreichen Ärmsten der Armen – obdachlose, alte und kranke Menschen, die am Rande des Existenzminimums leben. Derzeit versorgen wir 655 Personen mit Nahrung, Hygieneartikeln und medizinischer Hilfe.

Wir hoffen, dass der Freundeskreis Indien mit Ihrer Unterstützung und vielen ehrenamtlichen Helfern diese Hilfsprogramme auch in Zukunft segenbringend weiterführen und ausbauen kann. Gemeinsam können wir den Bedürftigen ein menschenwürdiges Leben und den jungen Menschen die schulische Bildung, berufliche Ausbildung und letztendlich ein sicheres Einkommen ermöglichen. Für all Ihre Spenden danken wir Ihnen nochmals sehr und grüßen Sie herzlich

Ihre
Gudrun Rademacher

PS: Wir möchten Ihnen zukünftig in jedem Rundbrief einen Studierenden oder Auszubildenden unseres PTP-Programms in einem Interview vorstellen.

Satya, Englisch- und Tamillehrerin

Venkatesan, Englischlehrer

Anamalai, Sport und Englisch

Deepa, BWL-Studentin

Interview mit Deepa, 21 Jahre, BWL-Studentin

Deepa (o. mit Großvater) lebt mit Mutter, Bruder und Großeltern nahe Tiruvannamalai. Ihr Vater starb 2008 bei einem Unfall. Daraufhin erhielt ihre Familie finanzielle Förderung, die an Bau und Nutzung eines neuen Hauses gebunden war. Sie konnte das Geld nicht in ihre Bildung investieren und ist auf Hilfe angewiesen, da
ihre Mutter als Landarbeiterin kaum Geld verdient. Die Jahresgebühr des Studiums beträgt fast 100.000 INR – ihre Mutter verdient höchstens 4.000 INR/Monat. Nachmittags hilft Deepa im PTP-Büro.

»Deepa, Du machst gerade den Master in BWL. Was sind Deine Zukunftspläne?«
– »Ich kann mir vorstellen, später am College zu unterrichten. Aber auch eine Tätigkeit bei einer Bank ist nicht ausgeschlossen. Ich möchte einfach einen guten Job finden. Und dann auch etwas beitragen, zum Beispiel Waisenkindern helfen.«

»Was hast Du neben dem Wissenserwerb in der Schul- und Studienzeit gelernt?«
– »Ich habe vor allem gelernt, mit einer schwierigen Familiensituation (Tod d. Vaters) zurecht zu kommen.«

»Wieviel kostet Deine Ausbildung?« 
– »Ohne das PTP Programm könnte ich niemals studieren. Die Förderung durch das PTP begann im 3. Jahr des B.Com. Ich mache M.Com (2 J. mit ca. 35.000INR/a) und versuche B.Ed (1 J. mit ca. 95.000 INR/a) anzuschließen*.« (*Bachelor / Master of Commerce, Bachelor of Education um zu Unterrichten; 1 € ˜ 79 INR)

»Wie verbringst Du gerne Deine freie Zeit?« 
– »Neben dem Studium und der Arbeit bleibt nicht viel Zeit für mich. Aber ich zeichne gerne und schreibe auch Gedichte.«

»Vielen Dank für das Gespräch, Deepa!« (aufgezeichnet von Eva Berger)

Deepa ist eine der PTP-Studentinnen, die aufgrund von Fähigkeiten und Lerneifer gesponsert werden, obwohl sie nicht im Patenschaftsprogramm waren. Wegen den enorm teuren Aufnahme- und z.T. unbezahbarer Collegegebühren, helfen wir nun auch auswärtigen Schulabgängern, die sonst nie studieren könnten.