Jahresbericht 2020

Sehr geehrte Spenderinnen und Spender,

liebe Freunde, 

in den vergangenen Jahren haben wir Ihnen schon viele­ interessante Aspekte der Hilfe zur Selbsthilfe vor­gestellt. In diesem Jahr kann und muss es auch an dieser Stelle um die Pandemie mit dem Neuen Coronavirus gehen, die gerade in Indien besondere Dimensionen angenommen hat.

DIE PANDEMIE IN INDIEN. Schon seit Monaten konkurrieren Indien, Brasilien und die USA in der Rangliste der Länder mit den meisten nachgewiesenen Covid­-19-Erkrankungen um den Spitzenplatz. Aufgrund der besonderen Gegebenheiten Indiens kann sich das Virus leicht ausbreiten. So drängen sich durchschnittlich 407 Menschen auf einer Fläche von einem Quadratkilometer, im Bundesstaat Tamil Nadu sind es sogar 554. Zum Vergleich: Im bereits relativ dicht besiedelten Deutschland sind es 233, in den USA 33. Neben der Bevölkerungsdichte begünstigen zahlreiche weitere Faktoren ein Voranschreiten der Pandemie. Dichtes Gedränge auf den Straßen, in den Bussen und auf den Märkten ist völlig normal. Die Möglichkeiten für hygienische Präventivmaßnahmen sind sehr begrenzt. Trotz der enorm hohen Zahl an Infektionen ist von einer noch viel größeren Dunkelziffer auszugehen. Und das, obwohl bis Ende September laut der Times of India 65 Millionen Abstriche untersucht worden sind – eine enorme Zahl. Die allgegenwärtige Knappheit an materiellen Gütern und die Größe und Siedlungsdichte des Landes begünstigen aber eine große Zahl an nicht erfassten Infektionen. Hinzu kommen kulturelle Merkmale: InderInnen nehmen nur im Ausnahme­fall ärztliche Hilfe in Anspruch. Die Duldsamkeit ist eine ausgesprochen indische Tugend. Die Anreise zu medizinischen Einrichtungen ist mitunter weit und die Kosten sind für viele nicht tragbar. Solange wie möglich kuriert man seine Beschwerden zu Hause aus und ist sich der Unterstützung der Familie, der Verwandt­schaft und der Dorfgemeinschaft sicher.

DER LOCKDOWN. Die indischen Behörden reagierten Ende März äußerst restriktiv auf das schnelle Voranschreiten der Pandemie. Neben den üblichen Abstandsregelungen, Maskengeboten und Heimarbeit herrschte bis zum 1. September in Tamil Nadu eine strenge Ausgangssperre. Geschäfte waren geschlossen, der öffentliche Nahverkehr eingestellt. Als der Lockdown bekannt gegeben wurde, blieben den Menschen nur wenige Stunden Zeit, sich mit ausreichend Lebensmitteln zu versorgen, bevor die Maßnahmen in Kraft traten. Nur einer kleinen systemrelevanten Minderheit war es fortan möglich, weiterhin ihre Wohnungen zu verlassen. Die jüngsten Lockerungen erlauben nun wieder Busverkehr und Handel, jedoch bleiben die Schulen im ganzen Land nach wie vor geschlossen. Noch immer besteht ein strenges Versammlungsverbot. Angesichts einer weiterhin steil ansteigenden Kurve an Neuinfektionen ist es sehr ungewiss, wie lange diese Lockerungen aufrechterhalten bleiben.
In Indien verdienen sich viele Menschen ihren Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten auf Tagelohnbasis ohne soziale oder gesundheitliche Absicherungen. Dieses Einkommen ist für die meisten von heute auf morgen weggebrochen. Mit einem Mal war die Versorgung elementarer Bedürfnisse in Gefahr. Viele TagelöhnerInnen befanden sich zu Beginn des Lockdowns hunderte Kilometer von ihren Heimator­ten­ entfernt und versuchten verzweifelt, trotz der widrigen Umstände nach Hause zu kommen. Von öffentlicher Seite wurden Busse eingesetzt, die jedoch nicht der Masse an MigrantInnen gerecht werden konnten. Ohne öffentliche Transportmittel blieb so nur die Hoffnung, von einem verständnisvollen Lastwagenfahrer, der Systemrelevantes geladen hatte, mitgenommen zu werden. Viele Menschen mussten schließlich den Großteil ihres Heimwegs zu Fuß bestreiten – oft ohne ausreichende Nahrung.
Ein von der indischen Regierung aufgesetztes Hilfs­programm zur Armenspeisung und Vergabe von Darlehen wurde von vielen KritikerInnen als unzureichend eingestuft. Der dafür aufgewendete Anteil des Bruttoinlandsproduktes liegt im internationalen Vergleich sehr niedrig. Viele Familien erhielten finanzielle Hilfe, die jedoch nur bei umgerechnet zirka zehn Euro lag. Auch in Indien ist das ein Betrag, der nur sehr kurzzeitig Hilfe bringt. Zusätzlich wurden Sondergenehmigungen für GemüsehändlerInnen und Milchbäuer­Innen erteilt, die ihre Waren direkt an den Haustüren an jene verkaufen durften, denen noch etwas Geld geblieben war.

LAND IN SICHT? So viel zu den schlechten Nach­richten. Doch es gibt Hoffnung. Die drastischen Maßnahmen zeigen Wirkung. Zwar steigt die Kurve der Infektionszahlen weiterhin steil an, aber angesichts der erwähnten Testungs-Offensive liegt dies auch daran, dass ein größerer Anteil der Infektionen in die Statistik einfließt; die Dunkelziffer nimmt also ab. Ein Umstand, der die Hoffnung auf ein baldiges Abflachen der Kurve nährt. Und: Wie überall auf der Welt zeigen sich auch in Indien positive Nebeneffekte des Lockdowns. Entschleunigung, Besinnung, innere Ruhe und Selbstreflexion sind die Früchte für diejenigen, die nicht zu hart getroffen wurden. Dies gilt vor allem für die stetig heranwachsende Mittelschicht, die den augenblicklichen Härten Ersparnisse oder Güter entgegensetzen kann. Die Notwendigkeit, innerlich auch einmal einen Schritt zurück zu machen und innezuhalten, ist auch im Mutterland der Meditation heutzutage mehr denn je gegeben. Ruhe und Besinnung werden immer weiter in den Hintergrund gedrängt und der mitunter hyperaktive westliche Lebensstil hält mehr und mehr Einzug in den indischen Großstädten.

SHANTHIMALAI HILFT. Wie sieht nun die Situation in der Region Tiruvannamalai aus? Unsere indische Partnerorganisation Shanthimalai hat in den letzten Monaten Vieles auf die Beine gestellt, um der Katastrophe entgegenzuwirken. Wie wir bereits in unserem Patenbrief im Juni berichteten, rief sie schnell und unbürokratisch ein umfassendes Hilfsprojekt ins Leben. In einem ehemaligen Bauernhof wurde eine Unterkunft für 70 obdachlose Menschen geschaffen, unter ihnen Bettelmönche, deren Spendeneinnahmen auf den Straßen weggefallen waren. So wurde diesen besonders hart betroffenen Menschen eine Bleibe, Essen und Trinken, Kleidung sowie medizinische Versorgung angeboten. Zusätzlich gab es ein Unterhaltungsprogramm sowie Yoga- und Meditations-Kurse, da diese Menschen ihren alltäglichen Beschäftigungen nicht mehr nachgehen konnten. Sechs MitarbeiterInnen von Shanthimalai verbrachten einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit dieser Aufgabe. Viele Bedürftige, die nicht in ausreichendem Maße von öffentlichen Hilfsprojekten erreicht wurden, bekamen von unserer indischen Partnerorganisation Lebensmittelpakete nach Hause zugestellt. Teilweise wurden auch sehr abgelegene Siedlungen beliefert. Diese Bemühungen bewogen die zuständige lokale Behörde dazu, diese Aufgabe zu übernehmen.  Sie lieferten die von uns gestellten Waren an die Bedürftigen aus: insgesamt neun Lebensmittellieferungen mit mehr als 400 Familien-Monatspaketen.
Die Politik nimmt uns wahr. Erst vor kurzem empfingen­ wir hohen Besuch in Shanthimalai. Der District Collector wollte sich vor Ort einen Einblick verschaffen, da ihm die erfolgreichen karitativen Aktivitäten während der Pandemie nicht entgangen waren. Seine Position ist in etwa vergleichbar mit der eines Landrats, wobei die Districts in Indien wesentlich größer und bevölkerungsreicher sind als die Landkreise in Deutschland. Er war so sehr angetan, dass er das Projekt Shanthimalai für einen öffentlichen Wettbewerb vorschlug, den Social Service Organisation State Government Award - eine große Ehre und eine besondere Bestätigung für die jahrzehntelange Arbeit der Hilfe zur Selbsthilfe.

BILDUNG, einer der wichtigsten Bausteine im Rahmen der Hilfe zur Selbsthilfe, ist durch die Schließung der Schulen aktuell nur sehr eingeschränkt möglich. Teilweise wird der Unterricht online angeboten, jedoch nicht alle haben Zugang zu Internet, Smartphone oder Computer. Die Lehrkräfte sind dazu bereit, in die Dörfer zu gehen, um den Unterricht vor Ort im Freien abzuhalten. Jedoch bestehen auch hier behördliche Beschrän­kungen. Die Schließung der Schulen beeinträchtigt nicht nur die Bildung, sondern auch die Organisation Shanthimalai selbst. Nicht alle unsere SchülerInnen sind Teil des Patenschaftsprogrammes. Viele entstammen der Mittelschicht und besuchen unsere Schule gegen Gebühren. Diese Einnahmen fallen jetzt zu 80% weg. Das sind 25% des gesamten Einkommens von Shanthimalai, was zu einem finanziellen Engpass führt. Die Fixkosten der Verwaltung laufen weiter, sodass auch bei Shanthimalai Kürzungen nicht ausbleiben. Im Zuge dessen werden derzeit neue StudentInnen zu unserem begehrten Shanthimalai Skill Development Programme nur sehr restriktiv zugelassen. Der Beschäftigungsumfang und die Gehälter der LehrerInnen mussten um die Hälfte gekürzt werden und auch in der Verwaltung wird kurzgearbeitet.
Wohlgemerkt – sämtliche Einnahmen Shanthimalais fließen in vollem Umfang in die Ihnen bekannten karitativen Tätigkeiten.

WIR BLEIBEN POSITIV. Trotz dieser schwierigen Situation herrscht bei unseren indischen MitarbeiterInnen ein Gefühl des Vertrauens und der Zuversicht. Auch der Hilfe des Freundeskreis Indien dürfen sich unsere Freunde weiterhin sicher sein.

An dieser Stelle gebührt Ihnen, liebe Spenderinnen und Spender, unser besonderer und herzlicher Dank für Ihre Treue in diesen auch in Deutschland schwierigen Zeiten.

Mit herzlichen Grüßen, 

Ihre 

                 Dr. Rüdiger Hoppe        Gudrun Rademacher       Robert Hebel

 

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Kassenbericht FKI

Bilanz der Partnerorganisation in Indien